Gedenkbuch Langenhagen

Für die Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft

Paula Hoffman verw. Meseke geb. Katz

Pauline Katz wurde am 5. Februar 1878 in Nordhausen am Harz als Tochter des Schneidermeisters Levi Katz und seiner Ehefrau Lea geb. Hirsch geboren.[1]

Am 3. April 1908 heiratete sie in Hannover den verwitweten Schuhmachermeister und Schuhwarenhändler Heinrich Friedrich Wilhelm Meseke. Heinrich Meseke war 1879 in Hannover geboren worden. Pauline Katz wird im Heiratseintrag als Geschäftsführerin bezeichnet. Möglicherweise führte sie das Geschäft von Heinrich Meseke, mit dem sie bereits zusammenwohnte.[2] Ihr Ehemann war evangelisch und am Tag vor der Eheschließung ließ sich Pauline Katz ebenfalls evangelisch taufen. Ihr Verlobter war der Taufzeuge.[3] Im Juni des Jahres folgte die evangelische Trauung.[4] Heinrich Meseke starb bereits drei Jahre später 1911 im Alter von 31 Jahren.[5] Pauline Meseke heiratete ein gutes Jahr später im Mai 1912 den katholischen Kaufmann Heinrich Hoffmann. Heinrich Hoffmann war 1885 in Soest geboren worden.[6] Er starb 1936 in Hannover.[7]

Pauline Hoffmann führte den ererbten Schuhwarenhandel ihres Mannes in Hannover-Wülfel fort. Nach den Novemberpogromen 1938 musste sie ihr beschädigtes Geschäft unter Wert veräußern. Von dem geringen Erlös erhielt sie nur einen Bruchteil ausgezahlt.[8]

In den Jahren 1939 und 1942 erlitt sie durch die Verfolgung zwei Schlaganfälle und erblindete weitgehend.[9]

Pauline Hoffmann verwendete selbst offenbar zeitweise den Vornamen „Paula“.[10]

Paula Hoffmann wurde am 5. Juni 1941 im Alters- und Pflegeheim Langenhagen aufgenommen und am 22. Juli 1942 „zum Abtransport nach Ahlem“ entlassen.[11] Für ihr Vermögen notiert die Fürsorgerin Clara Abrahamson „Fehlanzeige“.[12] Am 23. Juli 1942 wurde sie im Alter von 64 Jahren ins Ghetto Theresienstadt deportiert.[13] Am folgenden Tag traf sie dort mit dem Transport ein.[14]

Pauline Hoffmann überlebte die Schoah und wurde im Oktober 1945 erneut im Alters- und Pflegeheim Langenhagen aufgenommen. Im Mai 1946 wurde sie in ein Pflegeheim in Hannover entlassen.[15] Kurz danach wurde sie von einem alten Freund der Familie und dessen Ehefrau aufgenommen, die sie pflegten. Carl Lahmann hatte dem verstorbenen Heinrich Hoffmann versprochen, sich um Pauline zu kümmern.[16]

Noch im Alters- und Pflegeheim stellte Pauline Hoffmann einen Antrag auf Sonderhilfe für ehemalige politische Häftlinge.[17] Nachdem im September 1948 in Niedersachsen das Sonderhilfegesetz in Kraft getreten war, beantragte sie im November 1948 eine Geschädigtenrente.[18] Der Kreis-Sonderhilfsausschuss sprach Pauline Hoffmann im Juli 1949 eine Rente in Höhe von monatlich 170 DM dem Grunde nach zu.[19] Das Rentengutachten des Gesundheitsamts sah allerdings die Voraussetzungen für eine Pflegezulage „bei körperlicher Hilflosigkeit“ gegeben.[20] Pauline Hoffmann war zu 70 % erwerbsgemindert. Da sie damit die für die Rentenzulage regelmäßig erforderliche Erwerbsminderung von 80 % nicht erreichte, war für die Gewährung eine Ausnahmeentscheidung des Innenministeriums erforderlich.[21] Im März 1950 stimmte das Ministerium einer reduzierten Zulage in Höhe von monatlich 60 DM zu.[22] Erst nach dieser Entscheidung erhielt Pauline Hoffmann im Juni 1950 den Bescheid über Rente und Zulage.[23] Auf die Nachzahlung wurde die geleistete Unterstützung des Sozialamts angerechnet.[24]

Im August 1949 trat das niedersächsische Haftentschädigungsgesetz in Kraft.[25] Auf ihren Antrag von November 1949 wurde Pauline Hoffmann im Mai 1950 Haftentschädigung in Höhe von 5.100 DM gewährt.[26]

Pauline Hoffmann starb am 16. Oktober 1952 in der Wohnung von Carl Lahmann in Hannover. Der bereits seit 1945 wieder entfallene Zwangsvorname „Sara“ ist im Sterbeeintrag vom Standesbeamten noch einmal eingetragen worden.[27]

Höchstwahrscheinlich betrachtete sich Pauline Hoffmann am Ende ihres Lebens trotz der evangelischen Taufe selbst wieder als jüdisch und wurde auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt.[28]

Die Kosten der Bestattung in Höhe von 257 DM wurden vom Kreis-Sonderhilfsausschuss nicht übernommen. Der Anspruch auf Sterbegeld nach dem Sonderhilfegesetz stand nur berechtigten Hinterbliebenen zu. Pauline Hoffmann hinterließ allerdings keine Angehörigen.[29]

  1. Standesamt Nordhausen a/H., Geburtsregister, Jg. 1878, Nr. 100, Pauline Katz, geb. 05 Feb 1878; Stadtarchiv Nordhausen, StadtA NDH, Best. 3.1/1878, Reg. Nr. 100, Kopie des Zweit-Registerbuchs.
  2. Standesamt II Hannover, Eheregister, Jg. 1908, Nr. 20, Heinrich Friedrich Wilhelm Meseke u. Pauline Katz, geh. 03. Apr 1908; Stadtarchiv Hannover, Registerbuch.
  3. Kirchenbuch ev.-lt., Hannover-Döhren St. Petri, Taufen 1907-1911, Jg. 1908, fol. 34, Nr. 90, Pauline Katz, geb. am 05. Feb 1878; Ancestry.com, „Bremen, Deutschland, und Hannover, Preußen, Deutschland, evangelische Kirchenbücher, 1574-1945“, Datenbank mit Scans, Hannover > Sankt Petri Döhren > Taufen 1907-1911, B. 39 v. 383, https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/61007/images/0185027-00038 (aber. 17.02.2022); urspr. Daten: Mikrofilmsammlung, Familysearch.org, Filmnr. 185027; Originale: Evangelisches Kirchenbuchamt Hannover.
  4. Kirchenbuch (ev.-lt.), Hannover-Döhren St. Petri, Trauungen 1887-1908, Jg. 1908, fol. 183, Nr. 41, Heinrich Meseke u. Pauline Katz, getr. am 08. Jun 1878; Ancestry.com, „Bremen, Deutschland, und Hannover, Preußen, Deutschland, evangelische Kirchenbücher, 1574-1945“, Datenbank mit Scans, Hannover > Sankt Petri Döhren > Heiraten u. Proklamationen 1853-1908, B. 386 v. 453, https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/61007/images/0185031-00385 (abger. 17.02.2022); urspr. Daten: Mikrofilmsammlung, Familysearch.org, Filmnummer: 185031; Originale: Evangelisches Kirchenbuchamt Hannover.
  5. Standesamt II Hannover, Sterberegister, Jg. 1911, Nr. 42, Heinrich Friedrich Wilhelm Meseke, gest. 15 Apr 1911; Stadtarchiv Hannover, Registerbuch.
  6. Standesamt II Hannover, Eheregister, Jg. 1912, Nr. 56, Heinrich Hoffmann u. Pauline Meseke geb. Katz, geh. 14 Mai 1912; Stadtarchiv Hannover, Registerbuch.
  7. Standesamt I Hannover, Sterberegister, Jg. 1936, Nr. 1259, Heinrich Hoffmann, gest. 23 mai 1936; Stadtarchiv Hannover, Sign. 1.NR.3.08.02, StA 1081-1259/1936.
  8. Kreis-Sonderhilfsausschuss Hannover, Akte für Pauline Hoffmann geb. Katz, Bl. 2; Niedersächsisches Landesarchiv, Abt. Hannover, NLA HA Nds. 110 W Acc. 23/95 Nr. 197.
  9. Ebd., Bl. 10a.
  10. Im Adressbuch, im Hausstandsbuch und im Register des Alters- und Pflegeheims ist jeweils „Paula“ eingetragen: Adressbuch der Stadt Hannover, Jg. 1938, S. I-210, Eintrag für Paula Hoffmann; Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek,http://digitale-sammlungen.gwlb.de/resolve?PPN=810649861_1938 (abger. 04.02.2023).
    Sowie: Hauptstadt Hannover, Hausstandsbuch Uslarplatz 5; Stadtarchiv Hannover, 1.HR.03.5 Nr. 11845.
    Sowie: Alters- und Pflegeheim Langenhagen, Hauptregister, Nr. 930, Paula Hoffmann geb. Katz verw. Meseke; Stadtarchiv Hannover, StadtA H, 1.NR.5.08 Nr. 20683.
  11. Alters- und Pflegeheim Langenhagen, Hauptregister, Eintrag f. Paula Hoffmann, a. a. O.
  12. Oberfinanzpräsident in Hannover, Vermögensverwertungsstelle, Akte für Paula Hoffmann; Niedersächsisches Landesarchiv, Abt. Hannover, NLA HA, Hann. 210, Acc. 2004/023 Nr. 1348.
  13. Gestapo-Transportliste, 23.07.1942, Hannover nach Theresienstadt, unpaginiert (Bild 25), Nr. 488, Paula Hoffmann; Niedersächsisches Landesarchiv, Abt. Hannover, NLA HA, Hann. 210, Acc. 160/98 Nr. 17; zit. nach: Statistik-des-Holocaust.de, http://www.statistik-des-holocaust.de/list_ger_nwd_420723.html (abger. 04.02.2023).
  14. Lager Theresienstadt, Zugangsliste aus dem Gestapobereich Hannover, Transport VIII/1 (Ankunft 24.07.1942), fol. 3, Paula Hoffmann; Arolsen Archives, Sign. DE ITS 1.2.1.1 8228900, https://collections.arolsen-archives.org/de/document/11199330 (abger. 28.03.2024).
  15. Zweiter Aufenthalt 09 Okt 1945 bis 212 Mai 1946 ist mit „II.“ in der Zeile ergänzt, entlassen „ins Pflegeheim Gackle, Gratzer[!] Str. 10“: Alters- und Pflegeheim Langenhagen, Hauptregister, Eintrag f. Paula Hoffmann, a. a. O. Vgl. auch Central Committee of Liberated Jews, Zentralkartei, Pauline Hoffmann; in: ITS Arolsen, Nachkriegszeitkartei; Arolsen Archives, Sign. DE ITS 3.1.1.1 03010101 09 216, https://collections.arolsen-archives.org/de/document/67371752 (abger. 28.03.2024).
  16. Unter der Adresse von Carl Lahmann im November 1948: Kreis-Sonderhilfsausschuss Hannover, Akte für Pauline Hoffmann Bl. 28, a. a. O.
  17. Kreis-Sonderhilfsausschuss Hannover, Akte für Pauline Hoffmann Bl. C, a. a. O.
  18. Ebd. Bl. 1. Vgl. Gesetz über Gewährung von Sonderhilfe für Verfolgte der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft (Personenschaden), Nds. GVBl. S. 77, https://cms.archivportal-d.de/sites/default/files/media/document/2022-11/1948-09-22_Niedersachsen_Gesetz%20Sonderhilfe%20Personenschaden_Nds.%20GVBl.%201948%2C%2077-79_WGM.pdf (abger. 24.1.2026).
  19. Kreis-Sonderhilfsausschuss Hannover, Akte für Pauline Hoffmann Bl. 11, a. a. O.
  20. Ebd., Bl. 10a.
  21. Ebd., Bl. 13.
  22. Ebd., Bl. 32.
  23. Ebd., Bl. 40.
  24. Ebd., Bl. 38.
  25. Gesetz über Entschädigung für Freiheitsentziehung durch Maßnahmen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft (Haftentschädigungsgesetz), Nds. GVBl. S. 185, https://cms.archivportal-d.de/sites/default/files/media/document/2022-11/1949-07-31_Niedersachsen_Haftentschädigungsgesetz_Nds.%20GVBl.%201949%2C%20S.%20185–187_WGM.pdf (abger. 24.1.26).
  26. Kreis-Sonderhilfsausschuss Hannover, Akte für Pauline Hoffmann Bl. 18 u. 34, a. a. O.
  27. Eintrag „Pauline Sara Hoffmann, geborene Katz, mosaisch“ [Unterstr. i. O.]: Standesamt II Hannover, Sterberegister, Jg. 1952, Nr. 637, Pauline Hoffmann geb. Katz, gest. 16 Okt 1952; Stadtarchiv Hannover, Registerbuch.
    Die durch die Zweite Verordnung zur Durchführung des Gesetzes über die Änderung von Familiennamen und Vornamen vom 17. August 1938 (Namensänderungsverordnung) erzwungene Führung der Vornamen „Israel“ und „Sara“ wurde durch das Kontrollratsgesetz Nr. 1 vom 20. September 1945 aufgehoben.
  28. Die Beisetzung auf dem jüdischen Friedhof wurde von der Israelitischen Gemeinde Hannover veranlasst: Kreis-Sonderhilfsausschuss Hannover, Akte für Pauline Hoffmann Bl. 87, a. a. O.
  29. Kreis-Sonderhilfsausschuss Hannover, Akte für Pauline Hoffmann Bl. 86 u. 91, a. a. O.

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