Max Blaulicht, Arthur Blumenthal, Karl Kaufmann, Chana Chara Bierstein, Regina Marie Brieger, Rosa Cornelius, Dina David, Charlotte Fränkel, Margarete Fuss, Meta Rechel Goldschmidt, Jeanette Gottschalk, Klara Goldina Heilbrunn, Jenny Heinemann, Paula Hoffmann, Seligmann Jacobi, Georg Jastrower, Arthur Katz, Arthur Kleeblatt, Helene Kleeblatt, Dora Levin, Minna Moses, Johanna Müller, Emanuel Müller, Max Oppenheim, Bertha Rothenberg, Gustav Rothenberg, Mathilde Rothenberg, Bertha Scheiberg, Erika Veit, Berta Würthele
Mit der scheinbar willkürlichen Nennung von 30 Namen begann die Projektgruppe „Erinnern“ vom Gymnasium Langenhagen im September 2022 eine Gedenkveranstaltung zur Shoah in Langenhagen. Shoah, das ist der Begriff, der von jüdischen Menschen statt Holocaust bevorzugt wird, um über die nationalsozialistischen Verbrechen den jüdischen Menschen zu sprechen. Es sind also nicht zufällig ausgewählte 30 Namen. Es wurde an 30 Menschen aus Langenhagen erinnert, die 1942 nach Ahlem und von dort aus in die Konzentrationslager Warschau und Theresienstadt als Jüdinnen und Juden deportiert wurden. „Als Jüdinnen und Juden“ klingt zunächst befremdlich, ergibt aber Sinn, wenn man bedenkt, dass nach den Nürnberger Gesetzen (1935) nicht die eigene Konfession für die Zuordnung Jude:Jüdin ausschlaggebend war, sondern die der Großeltern. So kam es, dass Getaufte und/oder Nichtgläubige aufgrund ihrer Abstammung als Jude:Jüdin definiert werden konnten und in der Folge unter der Herrschaft des Dritten Reiches zu leiden hatten.
Gedenkveranstaltungen an Schulen, die den Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gedenken, sind wichtig und unverzichtbar. Unsere Veranstaltung aber wurde dadurch besonders, dass ganz plötzlich der Eichenpark in Langenhagen, unserer Heimatstadt, nur 500 m vom Rednerpult entfernt, zum Mittelpunkt der Auseinandersetzung wurde. Bisher waren die menschenverachtenden Geschehnisse des Dritten Reiches Unterrichtsinhalte, die wir im Geschichtsbuch gelesen, in Dokumentationen und Filmen gesehen und bei dem Besuch des Konzentrationslagers Bergen-Belsen erlebt haben. Im November 2021 aber wurde es persönlich. Zu diesem Zeitpunkt trafen sich 50 engagierte Jugendliche des damaligen 10. Jahrgangs unter der Leitung von Dr. Maren Hoffmeister und gründeten die Projektgruppe „Erinnern“. Anlass war die Entdeckung eines jüdischen Langenhageners aus dem damaligen Alters- und Pflegeheim Feierabend (Haus 13a) auf den Deportationslisten aus dem Dritten Reich. Auf einmal wirkte die Geschichte für uns ganz nah. Wir wurden neugierig, wie die nationalsozialistische Ideologie in unserem Heimatort von den Bürger:innen unserer Stadt mitgetragen wurde. Der Arbeitskreis für Regionalgeschichte unterstützte unsere zunächst mühsamen Recherchen mit wichtigen Hinweisen auf die hannoverschen Archive. Erleichtert wurde uns der Start auch durch die Hinweise von Dirk Musfeldt, der sich privat mit der NS-Vergangenheit Langenhagens auseinandersetzt.
Zum Alters- und Pflegeheim Feierabend recherchierten wir im Stadtarchiv Hannover und führten Interviews mit verschiedenen Autoritäten, die unsere Recherche zur NS-Zeit in Langenhagen in der Shoah bereicherten. So sprachen wir mit Michael Fürst, dem Präsidenten des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden von Niedersachsen. Michael Fürst hat erst durch unsere Recherchearbeit erfahren, dass sein Urgroßvater Seligmann Jacobi die letzten Wochen vor der Deportation in Langenhagen verbracht hat. Durch ihn, insbesondere durch seine ausführlich recherchierte Familiengeschichte, konnten wird die Identität von Seligmann Jakobi bestätigen. (Das Interview ist in Kürze über die Webseite erreichbar.) Wir führten ein Interview mit Siegmar Warnecke, der im Kontext eines Kunstfilmes über die NS-Vergangenheit der Heil- und Pflegeanstalt Langenhagens das Hauptaufnahmeregister des Pflege- und Altenheim Feierabend im Keller der Nervenheilanstalt entdeckt hat. In diesem zentralen Dokument konnten wir bereits im ersten Zugriff 27 als Juden definierte und nach Ahlem zur Deportation weitergeleitete Menschen finden. Wir unterhielten uns mit Michael Daxner, dem ehemaligen Universitätspräsidenten in Oldenburg (1986-1998), der dort das Studienfach Jüdischen Studien eingeführt hat und ein weitreichendes Wissen über die Shoah und die Erinnerungskultur besitzt. In einem Gespräch mit Thorsten Sueße, der sich seit den 1980er Jahren mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung der NS-„Euthanasie“ beschäftigt und sich in seiner Veröffentlichung „Nervenklinik und Pflegeheim Langenhagen. Von den Anfängen bis zum Ende der NS-Zeit“ 1988 mit unserer Regionalgeschichte auseinandergesetzt hat, bekamen wir weitere wichtige Informationen für unser Projekt.
Immer mehr verdichtete sich der Verdacht, dass auch in Langenhagen an jüdischen Menschen im Dritten Reich Verbrechen verübt wurden. Wir wussten, dass wir die Rolle Langenhagens neu denken mussten. Unser erstes Ziel war, mit einer Gedenkveranstaltung an die Personen zu erinnern, um ihnen ihre Geschichte und ihre Persönlichkeit zurückzugeben und uns von den an ihnen begangenen Verbrechen zu distanzieren. Während der Vorbereitungen der Gedenkveranstaltung wuchs die Liste inzwischen auf 30 Personen an. Und so kamen im September 2022 über 600 Menschen zusammen: unsere Schulgemeinschaft mit geladenen Gästen, u.a. Bewohner:innen des Anni-Gondro-Pflegezentrums, so heißt heute das Altenheim, das die Nachfolge in Nachbargebäuden des Eichenparks Langenhagen angetreten hat, Michael Fürst, Dr. Jens Binner vom ZeitZentrum für Zivilcourage und zwei stellvertretende Bürgermeisterinnen der Stadt Langenhagen, Frau Jagau und Frau Zach, mit Schüler:innen unseres Gymnasium Langenhagens. Gemeinsam gedachten wir der 30 deportierten Menschen, von denen 27 entweder aufgrund katastrophaler Lebensbedingungen verstarben oder in den Vernichtungslagern Auschwitz und Treblinka ermordet wurden.
Besonders die Worte Michael Fürsts trafen den Kern unserer Veranstaltung. Er bedankte sich bei der Projektgruppe für unsere sachbezogene Arbeit und unseren Wunsch zu erinnern. Ihm mache Angst, dass die Menschen vergessen, was gewesen war, wie die wieder steigende Anzahl antisemitischer Vorfälle zeigte, die auch sein Leben beeinflussen. Genau deshalb sei diese Gedenkveranstaltung so wichtig. Er habe gesehen, dass die Projektgruppe „Erinnern“ seine Sorge ernst nehme. Erinnerung sei nicht nur für einen selbst, sondern gestalte auch die Zukunft mit.
Auf diese Weise wollen wir auch weiterhin unsere Zukunft und die Zukunft Langenhagens gestalten. Unsere Gedenkveranstaltung war nicht der Abschluss einer einjährigen Arbeit, sondern ist eigentlich als Startschuss für eine neue Erinnerungskultur in Langenhagen zu sehen. Schon 2022 war uns klar, dass es nicht nur bei einer einmaligen Gedenkveranstaltung bleiben kann, sondern sich etwas dauerhaft ändern muss, so dass das Bewusstsein der Beteiligung Langenhagens im kollektiven Gedächtnis verankert wird. Wir müssen einen Erinnerungsort schaffen, um die Geschichte sichtbar zu machen, denn Deportationen fanden auch bei uns statt.
Aus der Projektgruppe ist ein aktiver Kern entstanden, bestehend aus Chiara Joy Abbey, Hanna Achberger, Marit Kappler, Malte Kruppa, Lorenz Rädisch und Daniel Wierzba. Mit 15 Jahren haben die Schüler:innen begonnen und sind mittlerweile 18/19 Jahre alt. Sie arbeiten kontinuierlich an den Ergebnissen weiter, die als Online-Gedenkbuch erscheinen sollen. Darin werden sie unterstützt von Ursula Baumann (Lektorat) und Dr. Maren Hoffmeister (wissenschaftliche Begleitung). Die Seite www.gedenkbuch-langenhagen.de ist als Gemeinschaftsprojekt gedacht und soll ein wachsender digitaler Erinnerungsort werden, der für historisch Interessierte und auch für Projekte in Schulen geöffnet ist, um Fundstücke zu unseren Themen ergänzen und Projekte miteinander vernetzen zu können.
Offiziell wird das Projekt inzwischen von der Bürgerstiftung Langenhagen finanziert. Das Gymnasium Langenhagen steht als Kooperationspartner weiterhin zur Seite. Als städtische Vertretung Langenhagens ist Dr. Annette von Stieglitz, Leiterin der VHS, zu nennen, während die Landeshauptstadt Hannover, die ihren Anteil an der Erinnerungsverpflichtung des Altersheims Feierabend aus dem Jahr 1938 anerkennt, von Dr. Jens Binner, Leiter des ZeitZentrums für Zivilcourage, vertreten wird. Die wissenschaftlich-historische Begleitung des Projektes wird weiterhin durch Dirk Musfeldt und Dr. Maren Hoffmeister gewährleistet.
Im Zentrum unseres Interesses steht das Setzen einer Stolperschwelle im November 2025, welches von unseren Schüler:innen des 13. Jahrgangs vorbereitet und organisiert wird. Dazu hat das Jugendparlament mit Louis Skrabania und Malte Kruppa im Bildungsausschuss des Rates das Projekt auf die Tagesordnung gesetzt und die Verlegung der Stolperschwelle vor dem Anni-Gondro-Pflegeheim aktiv mit einem Antrag vorangebracht. Das Seminarfach des 13. Jahrgangs „Wirtschaft und Börse“ hat sich für die Finanzierung der Stolperschwelle eingesetzt und bereits die Hälfte der benötigten Summe eingeworben und an die Bürgerstiftung geleitet. In der Sitzung am 9.12.2024 hat das Jugendparlament beschlossen, die letztlich zur Umsetzung fehlende Summe zu begleichen.
Auch das schulinterne Curriculum unseres Gymnasiums wurde im Fach Geschichte so weit überarbeitet, dass die regionale Geschichte Langenhagens verstärkt in den Unterricht aufgenommen wird.
Geplant ist zudem, dass zukünftig mit Schulen die Orte in Langenhagen angelaufen werden, an denen Verbrechen stattgefunden haben. So soll die Geschichte greifbarer und den Opfern gedacht werden.
Ein langfristiges Ziel ist, mithilfe von „Augmented Reality“ die Vergangenheit für Besucher des Eichenparks visuell greifbar werden zu lassen. Die Projektgruppe „Erinnern“ will die Geschichte ihren Mitschüler:innen, der Lehrkörperschaft und ganz Langenhagen nahebringen und weitertragen. Folgen wir Marit Kappler, die ihre Rede am Gedenktag im September 2022 mit den Worten abschloss: „durch wiederkehrendes Erinnern verhindern wir das Vergessen“.
Stimmen zum Erinnerungsprojekt
„Wir waren Zeugen einer ersten Gedenkfeier der Judendeportation von vor 80 Jahren, die von Schülern aus unserem Kreis organisiert wurde.“
„Michael Fürsts Beitrag hat mich noch nachdrücklich beschäftigt. Dass er erst durch die Recherchen unserer Mitschüler von dem Verbleib seines Urgroßvaters erfahren hat, ist unfassbar.“
„Die Zusammenarbeit mit Michael Fürst war ein echtes Erlebnis und hat uns bereichert.“
„Ich fand gut, dass die stellvertretende Bürgermeisterin Frau Jagau anerkannt hat, dass diese Vorgänge nicht nur vorbildlich recherchiert und belegt wurden, sondern die Projektgruppe der Widerstände zum Trotz eine Gedenkveranstaltung in einem solchen Ausmaß gestaltet haben.“
„Die Rede unserer Schulleiterin Silke Kaune beeindruckte mich sehr. Als Symbol, dass es Zeitzeugen gibt, die allerdings nicht sprechen können, nahm sie die alten Eichen, die all diese grausamen Taten mit ansahen.“
„So viele Honoratioren waren da, das zeigt, wie wertschätzend sie unsere Ergebnisse wahrgenommen haben: Der Arbeitskreis für Regionalgeschichte, Tim Rademacher und Dirk Musfeldt; die Stadtarchivare: Holger Horstmann und Ricardo da Silva Costa, die Leitung der VHS: Frau von Stieglitz, sie alle sind gekommen. Sogar unsere direkten Nachbar:innen, die Senior:innen aus dem Anni-Gondro-Heim waren zu Gast.“
„Ich bin sehr gespannt, wie die „augmented reality“ uns durch den Park in Zukunft begleiten wird. Dann sieht man auch endlich die Videos und Bilder, auf die ich neugierig bin.“
„Wie cool ist es, dass es nicht nur musikalische Unterstützung gab, sondern dass die jüdischen Lieder auch noch von verschiedensten Kulturen und Religionen unserer Musikkurse gesungen wurden. Absolut passend, da es so international ist! Vielleicht ein Blick in eine friedliche Welt.“
„Toll gelungen und gut strukturiert und das bei einem schwierigen Thema. Solche Geschehnisse dürfen sich nicht wiederholen und darum ist es wichtig, darüber zu reden und die Grausamkeit dieser Zeit geschichtlich richtig wiederzugeben. Ob eine solche Gedenkfeier in ein paar Jahren, wenn neue Schüler*innen nachgerückt sind, wohl wiederholt wird? Werden die nächsten sich auch zurückerinnern? Wichtig wäre es!“
„Es ist absolut großartig, dass die Schüler:innen so viel außerhalb des Unterrichts auf die Beine gestellt haben und das neben Klassenarbeiten, Referaten und Hausaufgaben.“
„Liebe Frau Hoffmeister, nach meinem gestrigen Zeitzeugenvortrag in der IGS Langenhagen haben Sie mir von dem Projekt der SchülerInnen des Gymnasiums Langenhagen erzählt. Die wollen erreichen, dass auch in Langenhagen Stolpersteine für Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft verlegt werden. Ich kann dieses Projekt nur begrüßen und, falls erwünscht, unterstützen. Nach meinen mehrjährigen Erfahrungen bei Zeitzeugengesprächen erhöht nichts mehr das Verständnis für die Schreckenstaten des Naziregimes als die Auseinandersetzung mit persönlichen Schicksalen. Und genau darum geht es bei den Stolpersteinen: Man setzt sich auch emotional mit dem Schicksal der Menschen auseinander, was die Empathie mit dem Erleben dieses Personenkreises erhöht. Als Holocaustüberlebender kann ich den SchülerInnen und allen anderen Beteiligten an diesem Projekt nur meine Dankbarkeit für Ihr Engagement ausdrücken und viel Erfolg wünschen. Mit herzlichen Grüßen Thomas Gabelin“
Besondere Dokumente
Bei den Deportationen griffen die Finanzbehörden zunächst auf das übliche Verfahren der „Einziehung volks- und staatsfeindlichen Vermögens“ zurück, mit dem das Regime bereits im Sommer 1933 begonnen hatte, das Vermögen von politischen Gegnern und Emigrant*innen formal legitimiert zu enteignen.1 In der Dokumentation dieses Vorgangs sind die Wohnorte der Betroffenen vermerkt. So konnten wir im Eichenpark das Gebäude identifizieren, in dem jüdische Bewohner des Alters- und Pflegeheims Feierabend untergebracht waren. Als Beispiel die Akte der hannoverschen Vermögensverwertungsstelle für die Familie Kleeblatt: NLA HA Hann. 210 Acc. 2004/023 Nr. 1351
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